Kurzporträt in Dialogform

 

Frage  Warum schreiben Sie Geschichten, Frau Naumann? Geschichten oder Kurzgeschichten sind doch heutzutage überhaupt nicht mehr buchmarktkonform.
Antwort
  Ich richte mich nicht nach dem, was heutzutage irgendwo konform ist, sondern nach dem, was in mir ist. Und das sind eben Geschichten.

Frage  Wie kam es denn dazu, dass Sie erst im fortgeschrittenen Lebensalter, am Ende Ihres sechsten Jahrzehnts, mit dem Schreiben begannen?
Antwort  Mit dem Schreiben begann ich schon vor langer Zeit.

Frage  Das heißt, Sie haben sich jetzt erst entschlossen, das Geschriebene auch zu veröffentlichen?
Antwort  So ist es.

Frage  Gibt es hierfür einen Grund? Einen Anlass?
Antwort  Beides. Der Grund: Ich möchte eine Spur hinterlassen, über die man schmunzeln kann. Der Anlass: Ein sehr alter, sehr weiser Onkel hat mir neulich gesagt: Man bedauert nur die Dinge,  die man im Leben nicht gemacht oder ausprobiert hat. Und das Bedauern hinsichtlich einer  Buchveröffentlichung wollte ich vermeiden.

Frage  Mögen Sie Spinat?
Antwort  Wie bitte?

Frage  Essen Sie gern Spinat?
Antwort  Ja.

Frage  Können Sie dazu auch eine Geschichte erzählen? So ad hoc?
Antwort  Selbstverständlich. Jetzt verstehe ich Ihre Frage. Ich habe Ihnen einmal berichtet, dass ich aus allem eine Geschichte machen und zu allem eine erzählen kann. Ich könnte Ihnen dazu spontan drei  Geschichten anbieten. – Wie lange haben Sie Zeit?

Frage  Heben wir uns die Spinatstorys besser für unser nächstes Gespräch auf? – Heute interessieren mich doch andere Themen mehr, zum Beispiel: Was schätzen Sie am Altwerden?
Antwort  Ooh. Da muss ich gründlich überlegen. Nächste Frage bitte.

Frage  Wie möchten Sie im Alter leben?
Antwort  Gut.

Frage  Und wie möchten Sie sterben?
Antwort  Auch gut.

Frage  Sie waren zweimal verheiratet und sind seit vielen Jahren allein. Würden Sie denn auch ein drittes Mal heiraten, wenn es sich ergäbe?
Antwort  Heiraten? Sofort! Aber ohne anschließende Ehe.

Frage  Wenn Ihnen eine gute Fee drei Wünsche erfüllen könnte, welche wären das?
Antwort  Mit drei Wünschen wäre ich überfordert. Einen könnte ich mir vorstellen: Ich würde gern Boogie-Woogie spielen können.

Frage  Was ärgert Sie an Ihren Mitmenschen am meisten?
Antwort  Denkfaulheit und Dummheit.

Frage  Und was mögen Sie an Ihren Mitmenschen am meisten?
Antwort  Humor und Nachdenklichkeit.

Frage  Womit können Sie sich trösten?
Antwort  Mit Kuchen.

Frage  Worüber können Sie sich freuen?
Antwort  Über ein Lächeln.

Frage  Sind Sie ein religiöser Mensch?
Antwort  Manchmal.

Frage  Sind Sie ein politischer Mensch?
Antwort  Ein politisch interessierter, ja.

Frage  Wie gehen Sie mit den heutigen Jugendlichen um?
Antwort  Mit Freundlichkeit. Wenn es sein muss, mit autoritärer Freundlichkeit. Aber am liebsten mit freundlicher Freundlichkeit.

Frage  Lesen Sie viel?
Antwort  Nein.

Frage  Wie informieren Sie sich über das Zeitgeschehen?
Antwort  Über Zeitung, Radio, Fernsehen.

Frage  Was halten Sie vom Internet?
Antwort  Einiges. Ich bin aber kein Netzaffi.

Frage  Sie gelten als grüblerisch und eigenwillig. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?
Antwort  Ich stimme zu, dass andere mich so einschätzen.

Frage  Gelegentlich werden Sie auch als arrogant und besserwisserisch beschrieben. Was halten Sie von dieser Beschreibung?
Antwort  Nichts.

Frage  Sie selbst haben sich als Einzelgängerin charakterisiert. Kommen Sie mit diesem Status auch im Älterwerden zurecht?
Antwort  Ja.

Frage  Gibt es einen Leitspruch, der Ihnen hilft, das Älterwerden zu bewältigen?
Antwort  Ja.

Frage  Verraten Sie auch, welcher das ist?
Antwort  Nein.

Frage  Ach, warum nicht?
Antwort  Weil ich befürchte, dass er sonst seine Wirkung und seine Zauberkraft bei mir verliert.

Frage  Aber vielleicht könnten Sie anderen damit helfen?
Antwort  Das bezweifle ich. Ich kann nur vermitteln, dass mir ein Leitspruch hilft.

Frage  Erhält Ihr Leben durch das Schreiben einen neuen Sinn?
Antwort  Mein Leben erhält durch gar nichts Sinn. Erst als ich aufgehört habe, nach dem Sinn meines Lebens zu fahnden, konnte ich beginnen, wirklich zu leben. Das Leben an sich hat Sinn genug und ist Sinn genug – für mich.

Frage  Planen Sie denn, noch mehr Bücher zu schreiben?
Antwort  Ja, sicher. Ich möchte doch nicht, dass ich vor lauter Alt die Träume nicht mehr sehe.